Halb nackt und mit Schleife im Haar – Krisen bewältigen wie Alice im Wunderland
Aktualisiert: 9. Juli

Alice fällt. Eben noch adrett zurechtgemacht im Garten gechillt, stürzt sie nun Hals über Kopf ins Unbekannte. Rummms. Aufprall auf dem Boden des Kaninchenbaus – und auch der Tatsachen.
So fühlt es sich an, eine Krise bewältigen zu müssen. Wir fühlen uns dafür meist nicht bereit.
Vielleicht hast du sie aus dem Disney-Zeichentrickfilm vor Augen: die süße, blonde Alice im blauen Rüschenkleid mit Schürze, Ballerinas und Schleife im Haar. Mensch Alice! Wenn es je einen Tag gegeben hat, um eine Hose und Boots zu tragen, dann wäre es dieser gewesen. Weißt du denn nicht was bald auf dich zukommt? Du sollst das Monster Jabberwocky erlegen!
Das Mädchen im Rüschenkleid und mit der Schleife im Haar als blutige Kriegerin? Diese Rolle will nicht so recht passen… Und überhaupt, nicht mal ihre Größe passt. Alice ist zu groß für ihre neue Realität, so dass sich ihr keine der vielen vorhandenen Türen öffnen will. Also wird sie magisch geschrumpft. Nun ist sie zu klein. Sie wird vergrößert. Zu groß, viel zu groß! Wieder geschrumpft. Ah, jetzt passt es.
Eine Erfahrung, die viele von uns mit Alice teilen, oder? Im Versuch besser reinzupassen, in die Welt, die wir vorfinden, machen wir uns klein. Und erreichen damit leider gar nichts. Das ist das Verhängnisvolle an Anpassung: übertreibt man es damit, führt es auch zu nichts – außer dem Verlust des Selbst. Die richtige Dosis ist entscheidend.
Was die Disney Verfilmung verschweigt: wenn Menschen ihre Körpergröße ändern, macht Kleidung das selten mit. Ich stelle mir Alice nach dieser magischen Tortur daher als höchstens noch mit Fetzen bekleidet vor. Na super. Auf ins Abendteuer – halb nackt, mit nichts als einer Schleife im Haar. Schlechter vorbereitet kann man kaum sein.
Genauso erleben viele Menschen Krisen: als völlig unerwarteten Verlust von Halt, als bloßstellend, nackt-machend, als absoluten Bruch mit dem, was eben noch normal und angemessen war. Und sich selbst darin als hoffnungslos underdressed und unvorbereitet. Wo sind bitte die Outdoor-Klamotten und das Schweizer Taschenmesser, wenn man es mal braucht? (Nicht, dass ich so etwas besitzen würde.)
Was bei Alice die angemessene Kleidung und Ausrüstung gewesen wäre, sind in Krisenzeiten Halt und Orientierung. Dringend gebraucht, herbeigesehnt und doch zu Beginn meist nicht vorhanden.
Herzlich willkommen in Unterland – das Alice übrigens erst später Wunderland nennen wird. Dann, wenn sie ihren Halt und ihre Orientierung wiedergefunden hat.
Orientierung in Krisen:
die Zumutung von Klarheit
Nicht jede Drucksituation ist gleich eine Krise. Bei Stress machen viele einfach weiter wie bisher, nur mit mehr Kraftaufwand. Eine Krise jedoch erkennt man daran, dass der Druck so hoch wird, dass du spürst: Ich kann oder will so nicht weitermachen. Meine bekannten Strategien sind hier nicht länger tragfähig. Etwas MUSS sich ändern.
Das kann ein großes Ereignis sein wie Krankheit, Verlust oder Trennung. Der Weg in die Krise kann aber auch viel unscheinbarer beginnen: Überbelastung, Blockaden oder Ängste, ein anhaltender Konflikt, ein Thema aus der Vergangenheit, das wieder hochkommt… Und plötzlich läuft das Fass über. Nicht wegen des einen Tropfens, sondern weil die innere Struktur, auf die der Tropfen fällt, schon brüchig war.
Krisen sind brutal ehrlich.
Deswegen mag sie auch keiner. Arme Krise, unbeliebt und von allen gemieden. Dabei verbirgt sich in ihr ein großer Schatz. Alles, was nicht funktioniert wird von Krisen schonungslos offengelegt: dysfunktionale Muster und Glaubenssätze, Beziehungen, die nicht tragen, innere Prozesse, die längst überholt sind. Das ist nicht angenehm. Aber es bringt Klarheit. Und Klarheit ist oft der erste echte Hebel für Veränderung.
Eins ist sicher: wie sehr wir uns auch bemühen Krisen zu vermeiden, früher oder später erwischt uns eine.
Übrigens: Wenn du wissen willst, wie du weniger häufig in Krisen gerätst verrate ich dir am Ende dieses Artikels das Geheimnis!
Hilfe in der Krise:
Was trägt wenn alles wackelt?
Wenn wir also der nächsten Krise nicht halb nackt und mit Schleifchen im Haar entgegentreten wollen, wie wappnen wir uns dann dafür? Wie können wir uns im übertragenen Sinne mit Wunderland-tauglicher Kleidung ausstatten?
Zu Beginn versucht Alice die neue Welt mit mehr von dem, was sie bereits kennt zu bewältigen. Sie verhält sich höflich, nett, adrett, angepasst, eloquent – wie das eben von einem Mädchen zu ihrer Zeit erwartet wurde. Bis sie merkt: das hilft hier überhaupt nicht weiter.
Auch wir reagieren auf Krisen oft so, wie wir es bereits kennen. Als müsste man nur stärker durchhalten, besser funktionieren und sich effizienter organisieren. Doch eine Krise wäre keine Krise, wenn das funktionieren würde.
Was also tun? Ich sage: weniger tun, mehr sein.
Wer bist du?
Identität jenseits von Rollen
Ein zentrales Motiv in der Alice im Wunderland Erzählung ist die Frage nach Alices Identität, die immer wieder hinterfragt, herausgefordert und auf den Kopf gestellt wird.
„Wer bist du?“ Wird Alice wieder und wieder gefragt. Das ist hier keine nette Smalltalk-Frage.
Es ist DIE Frage. Bohrend, auf den Grund gehend, nimmersatt. Bis sie wirklich beantwortet wird. Die Frage nach dem Kern.
Dem, was bleibt, auch wenn alle Rollen die du innehast, wegfallen: Mutter oder Vater, Tochter oder Sohn, Freund*in, Ehrenamt, Beruf, Hobby, Mitglied bei… All das kann und wird in Krisen ins Wanken geraten oder sogar wegfallen.
Eine Krise trifft denjenigen besonders hart, der sich über Leistung, Fürsorge oder Anpassung definiert. Weil diese Rollen im Außen liegen und daher gnadenlos dem Wandel unterworfen sind. Ob sie Morgen noch da sein werden? Wer weiß das schon, in Zeiten, in denen sich sogar unser Planet rapide verändert.
Solange im Außen alles halbwegs läuft, fällt der Unterschied zwischen der Definition über Rollen und dem Kern deiner Identität vielleicht kaum auf.
Du funktionierst, erfüllst Erwartungen, hältst dein Leben am Laufen. Aber früher oder später kommst du an einen Punkt, an dem das Funktionieren nicht mehr funktioniert. Und spätestens dann ist die Frage nach dem eigenen Kern nicht mehr philosophisch, sondern existenziell.
Halt durch Haltung.
Krisen bewältigen beginnt innen
Wenn sich alles im Leben verändern kann, brauchst du einen festen Anker, der mit dir garantiert durch jede Lebensphase geht. Den findest du nicht im Außen, sondern Innen.
Dieser Anker bist du selbst. Denn dich selbst nimmst du immer mit. Du bist die einzig sichere Konstante in deinem Leben. Genauer: deine Identität.
Wer sich selbst kennt und mag, muss nicht ständig Halt im Außen suchen.
Wer sich selbst nicht kennt, oder nicht mag, sucht Halt oft dort, wo sie nicht dauerhaft stabil sein kann: in Leistung, Rollen, Anerkennung oder Kontrolle.
Aber wie beantwortet man sie denn nun, die Frage nach dem „Wer bist du?“
Selbstführung in Krisenzeiten: Der dreifache innere Anker
„Wer bist du?“ ist im Grunde eine unmöglich zu beantwortende Frage. Klar, du könntest mit deinem Namen antworten. Aber was sagt das dann aus? Ich empfinde es daher als hilfreich, die Frage aller Fragen in drei etwas handhabbarere Fragen aufzuteilen:
Wie bist du? Was brauchst du? Und: was ist dir wichtig?
Wer diese drei Fragen für sich klar beantworten kann, entwickelt eine Grundsouveränität, die ich „Halt durch Haltung“ nenne.
1. Wie bin ich? Die Frage nach der Persönlichkeit
Diese Frage dreht sich nicht darum, welche Rollen ich gut erfülle. Sondern darum, wie ich designt bin: Was liegt mir, was nicht? Wie kommuniziere ich und gehe auf andere Menschen zu? Wie reagiere ich unter Druck? Was gibt mir Energie? Was kostet mich Kraft? Wie treffe ich Entscheidungen? Wie gehe ich in Beziehungen, in Konflikten, in Verantwortung um?
All das sind Fragen der Selbstführung, einer Fähigkeit, die insbesondere in Krisenphasen entscheidend ist. Ich kann mich selbst nicht wirksam führen, wenn ich mich gar nicht kenne.
Ähnliches gilt in der Führungsverantwortung für andere Menschen: Wer alle Menschen gleich führt, führt viele falsch. Menschen sind unterschiedlich, also ist auch ihr Anspruch an und Bedürfnis nach Führung unterschiedlich. Die Kunst der Führung ist, Menschen so zu führen, wie es ihnen entspricht. Alles andere erzeugt Gegenwehr.
Wer sich selbst nach einem Maßstab führt, der gar nicht zur eigenen Struktur passt, lebt dauerhaft gegen sich selbst und damit im inneren Ungleichgewicht. Deshalb ist Selbsterkenntnis nicht ein nettes Extra, sondern notwendig. Und ja, daraus kann sich in der Folge dann auch ergeben, welche beruflichen und privaten Rollen mir liegen und welche eher nicht.
2. Was brauche ich? Bedürfnisse oder warum ein leerer Tank nicht trägt
Viele Menschen, oftmals Frauen, insbesondere Mütter, haben gelernt, ihre Bedürfnisse hintenanzustellen. Hinter denen aller anderen. Als wäre das irgendwie nobel. Achtung Spoiler: Ist es nicht. Es ist meist einfach nur Gewohnheit und Prägung.
Unser Verhältnis zu den eigenen Bedürfnissen ist oftmals gespalten. Allein das Wort klingt ja schon nach Schwäche, so bedürftig, oder? Aber Bedürfnisse sind kein Luxus und auch keine Schwäche.
Gestillte Bedürfnisse sind der Kraftstoff des Lebens. Die Energie, aus der heraus du auch für andere da sein kannst, dein Leben gestalten oder Krisen überwinden.
Ein leerer Tank führt dazu, dass wir nicht genug Spannkraft haben. Weder für uns selbst noch für die Menschen in unserem Umfeld. Ungeduld, Lieblosigkeit und Konflikte können die Folge sein. Und daran ist nichts Nobles.
Ein voller Tank, gestillte Bedürfnisse in der Krise dagegen bringen Belastbarkeit, Energie, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude. Das können wir immer gut gebrauchen. Besonders aber in Krisenzeiten, denn die sind anstrengend.
Nur wenn ich weiß, was meine Bedürfnisse sind UND wie ich diese eigenverantwortlich stille, kann ich mir selbst die Energie zur Verfügung stellen, die es braucht, um eine Krise zu meistern.
3. Was ist mir wichtig? Werte als innerer Kompass
Krisen bringen oft viele Entscheidungen mit sich. Die Notwendigkeit, Dinge zu hinterfragen, zu ändern und sich zu bewegen. Aber wohin? Auf unsicherem oder unbekanntem Terrain, geben Werte uns Orientierung und Richtung. Sie helfen uns zu prüfen: Wofür stehe ich? Was ist mir wirklich wichtig? Wobei will ich mir treu bleiben?
Werte sind dein innerer Kompass. Sie beantworten nicht alles, aber sie zeigen dir die Richtung.
Wie ein Kompass, der auch dann funktioniert, wenn du keine Karte hast. Sie zeigen, ob eine Entscheidung zu dir passt oder ob du dich gerade von dir entfernst.
Ohne Werte gibt es Bewegung. Mit Werten gibt es Richtung.
Vollkrise oder spannende Lebensphase?
Wie du Krisen vermeiden kannst.
Dieser Dreiklang aus Persönlichkeit, Bedürfnissen und Werten ist dein solider Anker in der Krise. Zusammen ergeben sie Halt durch Haltung: die Fähigkeit zur Selbstführung in der Krise, die dazu nötige Kraft und eine klare Richtung. Eine gute Grundausrüstung fürs Wunderland der Krisen würde ich sagen.
Auch Alice entwickelt im Laufe Ihres Abenteuers diese Haltung. Sowohl im Buch als auch in der Verfilmung kann man deutlich sehen, wie sie über sich selbst hinauswächst. Oder vielleicht eher: in sich selbst hineinwächst. Wird wer sie schon immer sein sollte. Und so tauscht sie im Film auch ihre unnütze Kleidung. Erst gegen ein anderes, ihrer neuen Größe angemessenes Kleid und schließlich gegen eine Rüstung. Und dann tut sie es tatsächlich: sie erschlägt den Jabberwocky.
Diese Erfahrung und die gewonnene Haltung führen dazu, dass Alice krisenfest wird, auch im echten Leben. Wieder zu Hause angekommen wird sie in Tim Burtons Adaption des Klassikers zur Schiffskapitänin und unternimmt Expeditionen auf nicht kartografiertem Gebiet. Was sie früher hoffnungslos überfordert hätte, wird zu ihrer Leidenschaft. Das süße Mädchen wurde zu einer wagemutigen, abenteuerlustigen und führungsstarken Frau. Einer Frau mit dicken Eiern, wenn du mich fragst.
Und damit verrät sie uns auch das Geheimnis, wie wir weniger oft in Krisen geraten: ob etwas eine Krise ist oder nicht liegt im Auge des Betrachters. Oder besser gesagt: in der Haltung des Betrachters.
Je mehr Haltung du hast, desto eher kannst du dieselbe Situation als handhabbar statt als bedrohlich wahrnehmen.
Was früher eine Krise gewesen wäre, ist dann vielleicht nur noch eine spannende Lebensphase.
Führung in der Krise
Da Selbstführung und Führung auf denselben Prinzipien fußen, lässt sich daraus auch für die Führungskräfteentwicklung eine klare Botschaft ableiten:
Krisen machen sichtbar, ob Führung nur eine Rolle ist oder echte Haltung. Wer mit Haltung führt kann auch in schwierigen Phasen Halt und Orientierung bieten.
Denn wer sich selbst kennt, steuert authentisch, nicht mit Druck. Wer seine Bedürfnisse kennt und stillt, führt aus der Fülle, statt aus dem Mangel. Und wer seine Werte kennt, entscheidet stringent und nachvollziehbar statt je nach Wetterlage.
Für mich ist Führen mit Persönlichkeit kein Soft-Faktor, sondern harte Führungsrealität. Menschen folgen selten der neuesten Unternehmensstrategie per se. Sie folgen Personen, die authentisch und stabil sind, klar handeln und in unsicheren Situationen Orientierung geben können. Menschen folgen Persönlichkeiten, nicht Programmen.
Wenn du Führungskräfte entwickeln willst, die nicht nur Unternehmensrichtlinien umsetzen, sondern Haltung zeigen, dann ist meine Führungskräfteentwicklung ohne Bullshit vielleicht der richtige Ansatz für dich.
Ein kleiner Realitätscheck:
wie Krisensicher bist du?
Wenn im Außen alles wackelt, tragen dich weder deine Rollen noch deine Kompetenzen. Dann trägt dich dein innerer Anker: Wie bin ich? Was brauche ich? Was ist mir wichtig?
Wie klar kannst du diese Fragen für dich beantworten? Hast du dein Navigationswerkzeug parat – am besten, bevor der nächste Sturm aufkommt?
Wenn du eine klarere Haltung entwickeln möchtest oder gerade akut in einer Krise steckst, begleite ich dich gerne dabei. Krisencoaching bietet konkrete Hilfe in der Krise: Halt gewinnen, Orientierung schaffen und wieder handlungsfähig werden. Melde dich gerne für ein kostenloses Erstgespräch.
Key Takeaways für deine Krisenbewältigung
Wie kann ich Krisen bewältigen?
Um Krisen zu bewältigen ist es nötig, im Inneren sicheren Halt zu finden, wenn im Außen alles ins Wanken gerät. Dafür braucht es eine starke Persönlichkeit und Klarheit über Bedürfnisse und Werte.
Was hilft in der Krise?
Orientierung und Handlungsfähigkeit. Hierfür braucht es die Fähigkeit zur Selbstführung, einen bewussten Umgang mit Bedürfnissen und einen treffsicheren innerer Kompass auf Basis der eigenen Werte.
Wie finde ich Orientierung in Krisen?
Durch eine klare Haltung. Diese entsteht durch die Beantwortung der Fragen: Wie bin ich? Was brauche ich? Was ist mir wichtig?
Was ist der Nutzen von klarer Haltung für Führung in Krisen?
Führungskräfte, die sich selbst kennen, führen klarer, stabiler und glaubwürdiger.





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