Sie hat keinerlei Ähnlichkeit mit sich – Selbstwerdung durch Online Coaching oder die „falsche“ Alice.
- Anna Blaicher

- 10. März
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Apr.

Wie du endlich die Person wirst, die du schon immer warst und warum die Frage „Wer bin ich?“ vielen so schwerfällt.
In Tim Burtons Adaption von Alice im Wunderland kehrt Alice nach ihrem ersten Besuch als Kind als junge Erwachsene in die fantastische Welt des Hutmachers zurück. Dort muss sie die Heldenreise, die sie bereits zuvor durchlebt hat, in ähnlicher Form noch einmal bestreiten: sich im Wunderland zurechtfinden, Verbündete gewinnen, die innere Größe finden, sich dem Jabberwocky (ein mythisches Monster, das Wunderland bedroht) zu stellen und schließlich eben diesen mit dem Mutall-Schwert erlegen. Eine wundersame Reise zu Alices Selbstwerdung und eine Metapher für Selbstfindung durch Coaching.
Dabei fehlt ihr jedoch jede Erinnerung an ihr letztes Abenteuer im Wunderland. Doch eine vage Ahnung, dass sie diesen Ort bereits kennt, und er etwas über sie weiß, dass sie selbst längst vergessen hat, zieht sie tiefer in die eigenartige Welt hinein.
"Man sollte meinen, sie kennt das alles vom letzten Mal.“
Wie es möglich ist, sich selbst zu verlieren.
Ganz anders ergeht es ihren Gefährten. Irritiert von Alices Gedächtnisverlust und ihren Anlaufschwierigkeiten im Wunderland, werfen sie ihr immer wieder vor, die falsche Alice zu sein.
„Kleine Hochstaplerin, gibt sich als Alice aus. Sie sollte sich was schämen.“
Auch das weiße Kaninchen wird mit Kritik nicht verschont: „Du hast die falsche Alice gebracht!“Im Kern geht es dabei um die Frage, ob Alice ihr „Mehrsein“ verloren hat. Das, was sie tief im Inneren ausmacht, zu Alice macht. Hat Alice sich in den Jahren an der Oberfläche der Realität so sehr von sich selbst entfremdet, dass Ihr der Zugang zu den Geheimnissen von Wunderland verwehrt bleibt? Oder wird sie es schaffen, erneut zu ihrem wahren Selbst durchzudringen? Dieser innere Konflikt gipfelt in einem Gespräch mit der weisen, blauen Raupe Absolem:
„Wer bist du?“ „Alice!“ „Wir werden sehen.“ „Was willst du damit sagen, ich sollte doch wohl wissen, wer ich bin.“ „Ja, das solltest du.“
„Wer bist du?“
Warum die meisten Erwachsenen keine echte Antwort haben.
Dieses Phänomen kenne ich aus meiner Coaching-Praxis sehr gut. Die meisten Erwachsenen antworten auf die Frage „Wer bist du?“ mit ihrem Namen – gefolgt von einer Aufzählung ihrer Rollen. Mutter, Vater, Beruf, Ehrenamt, gesellschaftliche Funktion etc. Die Frage nach der Identität bleibt meist unbeantwortet. Wenn ich hier von Identität spreche, meine ich nicht deine Visitenkarte, sondern das Bild, das du innerlich von dir selbst trägst.
Im Alltag fällt der Verlust des Selbstgefühls weniger spektakulär aus als im Film. Du lebst, funktionierst, machst Karriere, bist ‚vernünftig‘ und merkst irgendwann: Du hast ein volles Leben – aber dich selbst darin verloren. Du weißt, was andere brauchen, aber nicht, was du brauchst. Du triffst Entscheidungen, die von außen betrachtet sinnvoll erscheinen, sich innerlich aber leer anfühlen.
Ein kleiner Selbstversuch: beantworte die Frage „Wer bin ich?“ – ohne deinen Namen oder deine Rollen zu verwenden.
Gar nicht so einfach, oder? Wer bin ich wirklich? Die meisten Erwachsenen haben erstaunlich wenig Übung darin, über sich selbst zu sprechen, wenn niemand nach Job, Familie oder Funktion fragt. Wir sind hervorragend darin geworden zu performen – und schlecht darin, uns zu spüren. Dabei ist Selbstwerdung kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, Entscheidungen zu treffen, die zu DIR passen, statt nur zu deinem Lebenslauf.
Die meisten von uns waren früher einmal viel näher an ihrem wahren Ich dran. Als Kinder oder Jugendliche. Bevor wir aufgehört haben, uns von unserer inneren Stimme leiten zu lassen und den Vorgaben von außen zu folgen begannen.
Sie hat keinerlei Ähnlichkeit mit sich!
Wie Selbstwerdung durch online Coaching gelingt.
Zwei Dinge helfen Alice dabei, zu sich selbst zurückzufinden: das Oraculum und der verrückte Hutmacher.
Das Oraculum: Was immer schon zu dir gehört
Die Schriftrolle „Oraculum“ enthält eine Aufzeichnung von Alices früheren Abenteuern im Wunderland – und außerdem das, was in der Zukunft passieren wird.
Das ist im Übrigen weniger magisch, als es klingt: Auch in der Psychologie sagt man, dass zukünftiges Verhalten am besten von vergangenem Verhalten vorhergesagt wird. Anders ausgedrückt: Wenn du wissen willst, wie sich jemand in der Zukunft verhalten wird, dann schau dir an, wie er sich in der Vergangenheit verhalten hat.
Im Coachingprozess kann durch eine Reise zum Kern der Persönlichkeit ein solches „Oraculum“ erstellt werden: Was war schon immer da? Welche Persönlichkeitsmerkmale, Vorlieben, Themen und Verhaltensweisen? Welche Werte waren schon immer richtungsweisend? Welche Fähigkeiten hast du nicht erlernt, sondern mit in die Wiege gelegt bekommen? Wer warst du als Kind, bevor sich dicke Schichten aus Erwartungen, Normen und gesellschaftlichen Konventionen über deinen wahren Kern gelegt haben?
Doch das allein reicht Alice nicht aus, um wieder ganz sie selbst zu werden. „Das da bin ich nicht!“, ruft sie, als sie im Oraculum sieht, dass sie den Jabberwocky erschlagen wird.
„Kläre das für uns, Absolem: Ist sie die richtige? Alice?“ „Nicht gänzlich.“
Der Hutmacher: Warum du jemanden brauchst, der dein Mehrsein sieht
Der Hutmacher – Alices vertrautester Gefährte im Wunderland – macht schließlich den entscheidenden Unterschied. „Du bist es!“, ruft er, als er Alice zum ersten Mal sieht. Nachdem er mitten über die gedeckte Teetafel gelaufen ist, um schnellstmöglich bei ihr zu sein.
„Sie ist hundertprozentig Alice. Du bist hundertprozentig Alice. Ich würde dich überall wieder erkennen. Ich würde ihn überall wieder erkennen!“
(Warum der Hutmacher Alice hier mit „ihn“ bezeichnet – dazu kommen wir ein anderes Mal.)
Wir brauchen alle einen Hutmacher. Jemanden der uns so sieht wie wir sind und uns selbst dann noch erkennt, wenn wir uns selbst verloren haben. Uns liebevoll, aber bestimmt daran erinnert, wer wir wirklich sind:
„Du bist nichtmehr dieselbe die du einmal warst. Du warst weit mehr. Mehrer. Du hast dein Mehrsein verloren.“
Er erinnert sich. Dass sie schon einmal gemeinsam hier gewesen sind und dass sie damals mutig und unerschrocken war. Dass sie sich nicht hat verbiegen lassen. Dass sie Grenzen hinterfragt hat, statt sie einfach hinzunehmen. Und dass sie schon einmal in der Lage war, das schier Unmögliche zu schaffen. Er vertraut auf Alices „Mehrsein“, lange bevor sie selbst wieder Zugang dazu hat. Und hilft ihr, ihre innere Stimme wieder zu finden.
Coaching nach Hutmacher-Art.
Was deine Selbstwerdung mit Coaching zu tun hat.
Die Rolle des Hutmachers können nahestehende Personen übernehmen. Als Coach übernehme auch ich sie häufig. Wenn ich mit Menschen arbeite, die sich selbst nicht mehr wiederfinden, beginnen wir genau an diesen beiden Punkten: Wir gehen gemeinsam auf Spurensuche nach dem, was immer schon da war – und nach dem, was in dir angelegt ist, auch wenn du es im Moment vielleicht nicht glaubst. Wir prüfen, welche Geschichten du über dich erzählst, die dich kleiner machen, als du bist. Welche Rollen du übernommen hast, die nie wirklich deine waren. Und wo dein „Mehrsein“ längst auf dich wartet, unter all den Schichten aus Erwartungen, Funktionieren und Vernunft.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kundin, die nach einiger Zeit im Coaching in der Lage war, eine schwierige Situation mit ihrer Familie zu ihrer eigenen Überraschung souverän zu meistern:
„Anna, ich habe mich selbst überhaupt nicht wieder erkannt! Früher hätte ich niemals so gut mit dieser Situation umgehen können. Ich habe mich so verändert, ich bin jemand ganz anderes.“
„Nein, das glaube ich nicht. Diese Person, die so souverän aufgetreten ist, das bist DU! So bist du immer schon gewesen. Die andere Variante von dir, die das nicht konnte, DAS warst nicht du. Es hatte sich eine dicke Kruste aus Verletzungen und Erwartungen über dein wahres Ich gelegt, die dich fast bewegungsunfähig gemacht hat. Diese Kruste haben wir gemeinsam Stück für Stück abgetragen. Und jetzt bist du frei, dich so zu verhalten wie es dir eigentlich entspricht.“
Mit Selbstwerdung durch online Coaching meine ich nicht Selbstoptimierung, sondern den Prozess, in dem du undienliche Anpassungen abstreifst und wieder spürst, wer du im Kern bist.
„Ich habe also mein Mehrsein verloren?“ Erobere dir dein Selbstbewusstsein zurück!
Alice findet schließlich – begleitet vom Hutmacher, ihren Gefährten und dem Oraculum – ihr Mehrsein wieder. Und das nicht nur im Wunderland, sondern auch im echten Leben. Sie entwickelt sich zu einer mutigen, freien Persönlichkeit, die ihren ganz eigenen Weg im Leben geht und sich dabei von gesellschaftlichen Konventionen nicht beeindrucken lässt.
Selbstwerdung ist für mich immer das Zentrum meiner Arbeit. Wenn du beim Lesen merkst, dass du dich in der ‚falschen‘ Alice wiederfindest, funktionierend, aber dir selbst fremd, ist das kein persönliches Versagen, sondern ein Symptom unserer Zeit. Hier lohnt sich ein genauerer Blick! Du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Schreib mir, wenn du bereit bist, der Frage ‚Wer bist du?‘ nicht mehr auszuweichen sondern persönliche Klarheit zu gewinnen.


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