Vergiss Ziele! Folge der Grinsekatze.
- Anna Blaicher

- 5. Mai
- 9 Min. Lesezeit

Warum du dir keine Ziele in der Krise setzen solltest.
„Würdest du mir bitte sagen, welchen Weg ich von hier aus einschlagen muss?“
Alice steht mitten im Wald. Nichts ist vertraut. Nichts ist logisch. Alles gleichzeitig wundervoll und völlig absurd. Dann taucht SIE auf. Ein Grinsen. Dann Augen. Dann langsam der Rest. Die Grinsekatze. Nennen wir sie Finley.
„Das hängt zum guten Teil davon ab, wohin du gehen willst.“
Eine scheinbar einfache Antwort. Eine, die wir alle kennen: Schaff Klarheit. Setz dir ein Ziel. Gib dir eine Richtung. Die meisten Interpretationen dieser berühmten Wunderland-Szene hören an dieser Stelle auf zu lesen. Sie übersetzen die Szene sofort in die bekannte Botschaft: Setz dir Ziele, sonst kommst du nicht an.
Doch genau jetzt passiert etwas entscheidendes, das in jeder mir bekannten Interpretation einfach übersehen wird. Denn der Dialog ist nicht zu Ende. Alice zögert. Wie soll sie das beantworten? In einem fremden Universum ist die Frage nach dem wohin doch grotesk.
„Es kommt mir nicht so sehr darauf an, wohin…“
Hör genau hin. Alice ist nicht planlos. Sie ist ehrlich. Und realistisch! Was würdest du antworten, wenn man dich mit einem Fallschirm irgendwo über dem Amazonas abwerfen würde und dich unten jemand fragt, wo du langgehen willst?
Sie weiß schlicht nicht, wohin sie will. Und vor allem: Sie kann es gar nicht wissen. Denn sie befindet sich in einer Welt, die sie nicht versteht. Und genau das ist der Punkt.
Ich glaube nicht, dass Lewis Carroll, der Autor von Alice im Wunderland mit diesem Dialog zwischen Mädchen und Katze zum Ziele setzen aufrufen wollte. Ich glaube, es geht ihm um etwas ganz anderes.
Die gefährliche Illusion von Richtung und Klarheit
Wir haben gelernt: Ziele sind gut. Ziele geben Richtung, Sicherheit, Kontrolle. Das stimmt – in stabilen, bekannten Kontexten.
Aber was, wenn du dich in deinem ganz persönlichen Wunderland wiederfindest?
Nach einer Trennung, die dich aus deinem bisherigen Kontext reißt
Inmitten eines radikalen Unternehmensumbaus, bei dem die alten Erfolgsrezepte plötzlich wertlos sind.
In einer gesundheitlichen Krise, die alles infrage stellt, was bisher „funktioniert“ hat
In solchen Situationen passiert oft etwas sehr Nachvollziehbares: Du versuchst, so schnell wie möglich wieder Klarheit herzustellen. Boden unter den Füßen zu gewinnen. Du willst wissen: Wo geht’s lang? Wo geht’s hier raus? Du willst ein Ziel. Einen Plan. Eine Richtung.
Verständlich, aber mit Vorsicht zu genießen. Denn die Ziele, die du dir in solchen Momenten setzt, entstehen nicht aus der neuen Realität. Sie entstehen aus deiner alten. Aus deinen bisherigen Erfahrungen. Dem was du bereits kennst. Deinen Mustern. Und auch deinen blinden Flecken.
Du navigierst eine unbekannte Welt mit einer veralteten Karte. Und wunderst dich, warum du nicht vorankommst.
Entdeckermodus statt Zielstrebigkeit
Mein großer Sohn (fast 5) und ich haben auf unseren Ausflügen ein Spiel entwickelt, das wir Entdeckermodus nennen. Irgendwann sagt einer von uns in bedeutungsvollem Ton „Entdeckermodus an!“ – und los geht die wilde Fahrt.
Dann verlassen wir die Wege. Wir krabbeln hinter jeden Busch und auf jeden Felsen, drehen Steine um, legen uns unter Bäumen auf den Boden, ziehen die Schuhe aus und waten in den Fluss, entdecken Lager zwischen tiefhängenden Tannen und finden allerlei Schätze in der Natur. Es ist herrlich. Momente, frei, aufmerksam und voller Staunen.
Auch Alice setzt sich kein Ziel, sondern bleibt im Moment. Neugierig und präsent. Sie sagt nicht: „Ich muss hier so schnell wie möglich wieder raus.“ (Zum Glück! Was hätte Sie, und damit auch wir, nicht alles verpasst.) Sie sagt nicht: „Ich brauche einen Plan.“ (Wie gut! Vielleicht hätte sie sonst nie den Hutmacher getroffen, kaum auszudenken.)
Stattdessen lässt sie sich treiben, bewegt sich mit dem Flow. Schaut aufmerksam hin. Sie begegnet dem, was auftaucht mit offenem Herzen statt mit Zielstrebigkeit. Und immer wieder dieses große, fast kindliche Staunen: „Eigenartig, höchst eigenartig.“
Das ist keine Naivität. Das ist eine Fähigkeit, die die meisten Erwachsenen verlernt haben: Exploration. Neugierig bleiben.
Nicht wissen müssen. Nicht sofort einordnen wollen. Dem Drang widerstehen sofort zu bewerten. Sondern wahrnehmen: Was passiert hier eigentlich gerade? Was zeigt sich mir wirklich? Wie fühle ich mich dabei, was macht das mit mir?
Warum Exploration so mächtig ist
Unser Gehirn ist darauf trainiert, schnell zu urteilen. Unsicherheit und Mehrdeutigkeit zu reduzieren. Die unfassbare Flut an Eindrücken drastisch zu reduzieren, um Komplexität zu verringern. Und so eine Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Das ist evolutionär gesehen sinnvoll. Es spart Energie. Es gibt Sicherheit. Es sichert Überleben. Das Wichtigste zuerst: Wasser, Schutz, Nahrung, Wärme. Der Rest ist vernachlässigbar.
Aber heute leben wir in einer völlig anderen Realität. Und hier wird in neuen, komplexen oder krisenhaften Situationen der Überlebensmodus oft zur Falle. Du siehst etwas und interpretierst es sofort durch die Brille deiner Erfahrung. Du hörst etwas und ordnest es in bekannte Kategorien ein. Du triffst Entscheidungen, basierend auf Vorannahmen, die vielleicht hier nicht mehr funktionieren.
Exploration durchbricht den Trott des Bekannten und schafft Raum für das Neue. Für echte Innovation. Sie zwingt dich, innerlich langsamer und aufmerksamer zu werden.Sie hält dich davon ab, vorschnell Bedeutung zu konstruieren.
Und dadurch entsteht etwas Entscheidendes: Du beginnst, die Realität wirklich zu sehen. Nicht deine Interpretation davon. Das ist der Moment, in dem wir wirklich fähig werden zu Lernen. Neues, nicht das, was wir ohnehin schon kennen, lediglich zu verbessern.
Wenn Unternehmen im Wunderland landen
Was für Einzelpersonen gilt, gilt auch für Organisationen. Man kann es in Unternehmen immer wieder beobachten: Neue Märkte. Disruption. Strategische Unsicherheit. Die reflexhafte Reaktion?Mehr Ziele. Mehr KPIs. Mehr Vorwärtsdruck. Der Versuch, eine unbekannte Zukunft mit der Logik der Vergangenheit zu steuern. Das kann Funktionieren – in halbwegs bekannten Kontexten. Doch auf wirklich neuem Terrain? Führt das selten zu Durchbrüchen.
Echte Innovation entsteht in diesen Kontexten, wenn Denken wieder freigesetzt wird. Unfertige Hypothesen erlaubt sind und getestet werden, statt sofort abgewertet zu werden. Wenn Exploration nicht als Zeitverschwendung, sondern als entscheidende Phase verstanden wird.
Unternehmen, die den Mut haben, in unsicheren Phasen bewusst in den Explorationsmodus zu wechseln, schaffen Raum für das, was wirklich neu ist. Nicht, weil sie planlos sind. Sondern weil sie verstanden haben, dass Klarheit am Anfang oft eine Illusion ist. So wie Finley, unsere Grinsekatze.
Wie Orientierung in Krisenzeiten wirklich entsteht
Die Grinsekatze aus Alice im Wunderland ist ein ziemlich schlechtes Navigationssystem. Sie gibt keine klaren Anweisungen. Keine Schritt-für-Schritt-Pläne. Keine Sicherheit. Sie taucht auf, wenn Alice sie nicht erwartet. Verschwindet, wenn sie gerade hilfreich wäre. Erscheint mal halb, mal ganz. Löst sich auf, manifestiert sich wieder. Spricht in Rätseln und manchmal ist nur ihr dämliches, breites Grinsen zu sehen. Zum Ausrasten!
Kommt dir bekannt vor? So fühlt sich Orientierung in Krisen und grundlegenden Veränderungsprozessen an. Hinweise, aber keine Gewissheiten. Das meiste ergibt erst im Rückblick Sinn. Du siehst oft nur Fragmente, nie das ganze Bild.
Und trotzdem bewegst du dich. (Yes, weiter so! Keep going!) Oder eben nicht.
Viele bleiben stehen, weil sie auf Klarheit warten. Auf den Moment, in dem „alles Sinn macht“. Aber dieser Moment kommt selten am Anfang.
Er entsteht unterwegs, im Gehen. Oder, ehrlich gesagt, oft auch im freien Fall.
Ein Hoch auf die Krise? Wenn alte Strategien versagen
Die Persönlichkeit eines Menschen ist im Erwachsenenalter relativ stabil. Die großen Linien ändern sich selten. Es sei denn, etwas zwingt dich dazu. Und dieses „etwas“ ist oft eine Krise. Nein, das ist kein Hoch auf Krisen.
Krisen sind und bleiben abgefucked. Punkt. Jeder der schon mal richtig tief drin war weiß das.
Dennoch: Krisen bringen eine unbarmherzig-herrliche Klarheit mit sich: Sie zeigen dir, was nicht mehr funktioniert. Vielleicht noch nie funktioniert hat. Die Strategien, die dich bisher scheinbar getragen haben, greifen nicht. Und weil du im Krisenmodus bist, merkst du das plötzlich auch. Das, worüber du dich definiert hast, bricht weg. Deine gewohnte Orientierung löst sich in Luft auf. Und hier entsteht, wenn du es zulässt, der Raum für Entwicklung.
Jetzt hast du zwei Möglichkeiten: Du versuchst, so schnell wie möglich wieder Kontrolle herzustellen, oder du gehst in die Exploration, den Entdeckermodus. Alice entscheidet sich (bewusst oder unbewusst) für Letzteres.
Wer Alice am Anfang ihrer Geschichte ist – und wer sie am Ende wird
Am Anfang ist Alice… schwer zu greifen. Ein bisschen zu angepasst. Ziemlich orientierungslos. Und vor allem: ohne klare Haltung. Sie weiß nicht, was sie will. Und noch weniger, wofür sie steht.
Dann fällt sie in den Kaninchenbau. In eine Welt, die es ihr ermöglich, sie zwingt, sich selbst zu begegnen. Und sie geht. Nicht effizient. Nicht geradlinig. Nicht zielorientiert.
Aber wach. Hellwach. Vielleicht zum ersten Mal.
Sie begegnet Figuren, die sie irritieren, Situationen, die sie herausfordern und Momenten, die sie überfordern. Und Schritt für Schritt passiert etwas, das man von außen gut beobachten kann: Sie verändert sich. Sie wird klarer. Mutiger. Präsenter. Sie entwickelt Haltung, wird zu Alice.
Und irgendwann, nicht am Anfang und nicht auf Knopfdruck, entsteht es dann doch: Das Ziel. Als natürlicher Ausdruck ihrer Entwicklung. Sie stellt sich ihrer Mission. Nicht, weil sie soll. Sondern weil es jetzt stimmig ist.
Warum ist das Setzen von Zielen in der Krise oft kontraproduktiv?
Am Anfang von Krisencoachings höre ich immer wieder: „Ich muss jetzt einfach wissen, was ich will.“; „Ich will mir Ziele in der Krise setzen.“; „Ich kann so nicht weitermachen, sag mir was ich tun soll.“ Meine Antwort: Vorsicht. Der Wunsch ist nachvollziehbar. Aber manchmal ist er verfrüht.
Denn unter der Oberfläche liegt oft etwas anderes: Unsicherheit, die schwer auszuhalten ist. Angst, die schnell „gelöst“ werden soll. Der Versuch, um jeden Preise Kontrolle zurückzugewinnen.
Wenn ich in einer solchen Situation sofort mit Zielarbeit einsteige, passiert Folgendes: Wir bauen Klarheit auf einem Fundament, das noch gar nicht trägt. Das wirkt kurzfristig gut. Und langfristig geht es nicht auf.
Daher entscheide ich mich bisweilen dazu, die Coachingziele nicht in den ersten Gesprächen festzulegen. Sondern auf Exploration zu setzen: Erst auskundschaften, wahrnehmen. Dann verstehen. Dann entscheiden.
In genau dieser Reihenfolge. Mission und Ziel entstehen dann häufig ganz natürlich aus der neu gewonnenen inneren Klarheit heraus.
Bergführer, Sherpa, Guide: Manchmal brauchst du jemanden, der sich auskennt
Wunderland kannst du allein durchqueren. Durchaus. Aber es kostet dich wohlmöglich etwas. Zeit. Energie. Die eine oder andere Schürfwunde. Und unnötig viele Schleifen.
Alice hatte Begleiter. In vielerlei Hinsicht agieren die Grinsekatze, die weiße Königin und der Hutmacher Alice gegenüber als Coaches. Nicht mit klaren Anweisungen, sondern indem sie Alice eine Reflexionsfläche bieten und ihr die verquere Logik von Wunderland erklären.
Ein guter Coach ist nicht derjenige, der dir sagt, wo du langgehen sollst. Sondern derjenige, der dir Hilft deine Muster und Strategien zu Hinterfragen und dir die Dynamiken von Persönlichkeitsentwicklung und Veränderungsprozessen deutlich macht.
Als Krisencoach sehe ich genau das als meine Aufgabe: nicht, dir ein Ziel vorzugeben. Sondern dir zu helfen, die Phase auszuhalten, in der Ziele noch nicht dran sind.
Das mit dem Ziel kommt zur rechten Zeit dann ganz von allein.
Was wir vom Krisenmodus für unseren Alltag lernen können
Wann bist du das letzte Mal auf einen Baum geklettert?
Ich vor ein paar Tagen. Spontan. Barfuß. An den untersten Ast kam ich nicht ran, ich musste springen. Da hing ich dann und dachte: „Wenn ich es jetzt nicht schaffe mich hochzuziehen, wird das ganz schön peinlich.“ (Ist das eigentlich der Grund, warum wir im Laufe unseres Lebens irgendwann mit dem Entdeckermodus aufhören? Weil es peinlich werden könnte?)
Aber ich habe es geschafft. Und so stand ich da, in der Baumkrone, meine nackten Füße auf der rauen Rinde verwurzelt und schaute ins Weite. Einfach nur geil.
Für einen kurzen Moment war ich wieder die 12-jährige in der großen Eiche am Waldrand.
Perspektivwechsel. Verbundenheit mit der Natur. Über die Fähigkeiten des eigenen Körpers staunen. Frei sein. Tun, wonach mir gerade der Sinn steht. Ein echter Kraftmoment. Am nächsten Tag musste ich mir dann einen Splitter aus dem Fuß ziehen lassen. Ein kleiner Preis.
Was wäre, wenn wir unseren Alltag öfter so gestalten könnten? Im Entdeckermodus? Neugierig sein. Das, was da ist wirklich wahrnehmen, statt nur vorbeizuhetzen. Dinge tun, die uns aus der Komfortzone katapultieren. Mal nicht nur auf dem Weg von A nach B sein oder diesen bewusst unterbrechen.
Wie wichtig ist es wirklich, dass du heute noch die Wäsche machst? Passiert irgendwas Schlimmes, wenn du 2 Wochen mit einem dreckigen Auto rumfährst? Kannst du diesen Anruf nicht auch morgen erledigen? Zu dem Zeitpunkt, in dem ich auf dem Baum war, hätte eigentlich unser Zuhause geputzt werden sollen. So what. Fällt das halt eine Woche mal aus. Spoiler: ist nichts passiert! Ich glaube meine Familie hat noch nicht mal gemerkt, dass nicht geputzt ist.
Das nächste Mal, wenn du an einem richtig guten Kletterbaum vorbei kommst… Tu es!
Die unendliche Weisheit der Grinsekatze.
Im anfangs skizzierten Dialog sagt Alice:
„Es kommt mir nicht so sehr darauf an, wohin… wenn ich nur irgendwohin komme.“
Hier die tiefe Weisheit der Grinsekatze: „O, das wirst du ganz gewiss, wenn du nur lange genug gehst.“ Finley, du raffiniertes Ding!
Das ist keine oberflächliche Vertröstung. Sondern eine tiefe Wahrheit über Entwicklungsprozesse. Du musst heute nicht wissen, wohin. Du musst die Richtung nicht kennen. Aber bleib in Bewegung! Bleib wach. Bleib neugierig.
„Eigenartig, höchst eigenartig.“ Remember?
Wenn du gerade mitten in deinem persönlichen Wunderland steckst und denkst, dass du den Ausgang nicht siehst: Es geht vorüber. Das verspreche ich dir. Du wirst da rauskommen, solange du nur in Bewegung bleibst.
Vielleicht nicht unbedingt so, wie du es geplant hättest. Aber sehr wahrscheinlich näher bei dir selbst, als du es je warst. Mit mehr Haltung, mehr Wumms und zentrierter in dir selbst.
Wenn du gerne Begleitung auf deinem Weg durchs Wunderland hättest, kannst du hier Kontakt zu mir aufnehmen.
Key Takeaways für deine Orientierung in Krisenzeiten
Ziele in der Krise setzen? Erst wenn das Fundament wieder trägt. Vorher gilt: Exploration vor Zielstrebigkeit.
Krise ist und bleibt abgefucked: Aber sie bietet eine unbarmherzige Klarheit über das, was dich nicht mehr weiterbringt.
Coaching als Begleitung: Ein guter Coach ist wie ein Bergführer – er sagt dir nicht, auf welchen Gipfel du gehen sollst, sondern hilft dir, zu bewältigen, was auch immer auf deiner Route dich zukommt.
Bleib in Bewegung: „Auch das geht vorüber.“ Hauptsache, du gehst weiter.




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