Humor im Coaching: Warum eine verrückte Teeparty manchmal mehr verändert als eine tiefgehende Analyse.
- Anna Blaicher

- 19. Mai
- 7 Min. Lesezeit

Es gibt Situationen, die nicht deshalb ausweglos erscheinen, weil sie objektiv unlösbar wären, sondern weil die Beteiligten innerlich erstarrt sind. Gerade dann kann Humor, klug eingesetzt, enorm wirksam sein.
Willkommen auf der berühmtesten Teeparty der Literaturgeschichte
So ist es auch bei Alice im Wunderland. Sie landet in einer Welt, in der Regeln keine Stabilität geben, sondern ständig verrutschen. Nach dem Sturz in den Kaninchenbau, dem grotesken Wechsel ihrer Größe und der ständigen Verwirrung durch Figuren, die alles anders meinen, als sie es sagen, stolpert sie in die endlose, völlig entgleiste Teestunde. Hosted by yours truly: dem verrückten Hutmacher. Alice ist schon vorher aus dem Gleichgewicht geraten. Doch ihre Irritation gipfelt in der Teeparty, einer Verdichtung von Unsinn, Reizüberflutung und sozialer Unklarheit.
Die Atmosphäre ist schräg, unberechenbar und zugleich erschreckend starr: Niemand antwortet wirklich auf Fragen, alles dreht sich im Kreis, Logik wird ständig unterlaufen.
Alice versucht, trotz aller Absurdität normal zu bleiben. Höflich. Sinnvoll. Klares Denken in einem System, das sich längst vom klaren Denken verabschiedet hat. Sie versucht ernsthaft, die Frage nach der Gemeinsamkeit zwischen einem Raben und einem Schreibtisch zu lösen.
Ziemlich anstrengend, ein dysfunktionales System mit gesunder Logik zu navigieren.
Schlimmer noch: Die Zeit selbst ist aus dem Takt geraten und stehen geblieben. „Es ist immer Teestunde“, sagt der Hutmacher, „und wir haben keine Zeit, die Tassen dazwischen aufzuwaschen.“ Das klingt komisch, aber nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist es ein Bild für ein System, das sich selbst blockiert. Eine verfahrene Situation, in der es weder vor noch zurück geht.
Teestunde im Alltag:
wenn Lösungsversuche die Situation noch verschlimmern
Der Hutmacher hat ein Problem: Seine Taschenuhr funktioniert nicht mehr. Lösungsversuch Nummer eins: Butter hineinschmieren. Funktioniert nicht. Wer hätte das gedacht. Lösungsversuch Nummer zwei: die Uhr in eine Tasse Tee tunken. Ausgang vorhersehbar.
Klingt völlig gaga. Geradezu lächerlich. Aber mal Hand aufs Herz: wie oft versuchen wir unsere Herausforderungen in Führung, Beziehung oder Selbstführung genau so zu lösen?
Ein paar Beispiele:
Überforderung mit noch mehr Tempo lösen. Das klassische Hamsterrad: ein hochfunktionaler High-Professional, längst auf Anschlag. 60-Stunden-Woche, Nebenjob, Hausbau, soziale Verpflichtungen, Familienthemen. Das Hamsterrad läuft heiß… Die Lösungsidee? Ein Tool, mit dem ich mich noch effizienter organisieren kann. Butter ins Uhrwerk, wird bestimmt geschmeidig.
Verunsicherung mit Kontrolle statt Klarheit bekämpfen. Unsicherheit im Change-Prozess, ein Team liefert unsauber. Der Reflex? Mehr Controlling, mehr Meetings, engere Abfragen. Statt die Uhr aufzuschrauben und die Ursache im Prozess, in den Rollen oder in der Zielklarheit zu suchen, wird Kontrolle wie Tee über die Uhr gekippt. Wenn die Botschaft schon verwässert ist, hilft mehr davon selten.
Gestörte Kommunikation mit WhatsApp behandeln. Eine belastete Beziehung. Die Kommunikation ist gestört: Missverständnisse, Ärger, Konflikte. Die Strategie? Rückzug auf Social Media! Statt persönlich zu sprechen, wird nur noch per WhatsApp oder Teams kommuniziert. Ohne Gestik, Mimik oder Tonfall. Womit ein Großteil der Botschaft fehlt… Verkürzter Text und Emojis statt Treffen oder Anruf. Kommt gut, safe.
Oh ja, gute Idee. Das wird das Problem ganz sicher lösen. (Achtung, Ironie!) Schmeiß die Uhr einfach in den Atlantik, die Flut regelt das schon. Mal ehrlich: Wenn‘s nicht so tragisch wäre, wäre es komisch.
Aber weil wir knietief in der Situation, im Konflikt oder in der Krise stecken, sehen wir oft nicht, wie festgefahren alles ist. Und dass unsere abstrusen Lösungsversuche vieles noch verschlimmern.
Die Bedrohung wächst:
wie aus Herausforderungen Krisen werden.
Was im Wunderland anfangs noch wie charmant-anarchischer Nonsens wirkt, schlägt später in echte Bedrohung um. In der Tim-Burton-Verfilmung verdichtet sich die Lage, als der Herzbube mit den Truppen der Roten Königin und dem Bluthund Bayard auftaucht, um Alice gefangen zu nehmen. Der ohnehin brüchige Raum wird jetzt von Macht, Bedrohung und Kontrolle beherrscht. Panik bricht aus. Angstschweiß. Zittern.
Hier zeigt sich, wie dünn die Grenze zwischen „komisch“ und „gefährlich“ sein kann.
Wenn ein System erst einmal unter Spannung ist, genügt oft ein neuer Reiz, und aus Unruhe wird Druck. Aus Druck wird Angst. Aus Angst wird Erstarren.
Die Teeparty als Metapher für viele Alltagskonflikte: Team, Familie, Beziehung, Führung. Erst ist es nur schräg. Dann wird es eng. Dann wird es bedrohlich.
We‘re all mad here!
Wie der Hutmacher Humor nutzt
Eine meiner Lieblings-Humorszenen aus der Teeparty ist der Moment, in dem der Herzbube ruft: „Ihr seid alle verrückt!“ und der Märzhase trocken antwortet: „Besten Dank.“
Der Hutmacher und seine Freunde setzen im Angesicht der Bedrohung auf ein unschlagbares Tool: sie spielen ganz einfach nicht mit.
Sie bekämpfen Bedrohung nicht mit Gegengewalt, Logik oder Analyse. Sie unterlaufen die Machtlogik mit Sprachwitz, Verwirrung und Überzeichnung. Der Hutmacher zieht die Situation auf eine andere Ebene, die des Humors. Das Geschehen verliert dadurch seine Schwerkraft. Es wird nicht gelöst, aber es wird entzaubert.
Der Herzbube droht: „Wenn ihr sie versteckt, verliert ihr den Kopf!“ Darauf der Hutmacher: „Den haben wir längst verloren.“ Entwaffnet, in 5 Worten.
Ein Bekannter von mir schreibt mithilfe von künstlicher Intelligenz Schrott-Songs über alle möglichen Situationen. Einmal hat er auch meine festgefahrene Lage in einen schrillen, schlagerartigen Comedy-Song verwandelt. Und ich musste lachen, wie ich schon lange nicht mehr gelacht hatte. 15 Minuten lang, den Song auf repeat. Er hatte recht, von außen betrachtet war das Ganze absurd komisch. Zum Brüllen. Als ich mich wieder beruhigt habe, hatte sich in mir etwas gelöst. Und ich konnte der Situation ganz anders begegnen.
Der Hutmacher drückt es so aus: „Komm, komm. Wir müssen einfach mit dem Erschlagen und so loslegen.“ Und damit holt er alle Anwesenden aus der Schockstarre. Besonders Charmant dabei: der Humor des Hutmachers geht nicht auf Kosten anderer. Er kann vor allem eins: über sich selbst lachen. Das macht ihn trotz allem Wahnsinn sympathisch, nahbar und stellt Verbindung her.
Reframing durch Humor im Coaching
Das ist die eigentliche Superkraft von Humor: In einer witzig-absurden Situation lassen sich Ernsthaftigkeit, Drohgebärden und Machtgehabe kaum aufrechterhalten. Wenn etwas wirklich witzig ist, kommt das Lachen von allein. Gewollt oder nicht. Und Lachen löst Schwere. Es bringt Luft, Beweglichkeit und Freiheit.
Humor ist kein Ausweichen. Humor ist eine Intervention gegen Erstarrung.
Er sagt: „Ich sehe, wie ernst es ist. Und genau deshalb brauchen wir jetzt einen anderen Blick.“ Die Humorbrille versucht nicht, das Problem kleiner zu machen, sondern beweglicher.
Das ist Reframing in Reinform. Die Lage bleibt ernst, verliert aber ihren Anspruch auf Deutungshoheit. Humor im Coaching ist hilfreich, weil er Distanz schafft, ohne die Situation zu entwerten und neue Bedeutungsräume eröffnet. Dann geht es nicht mehr nur um die Frage, wie eine Bedrohung gestoppt werden kann, sondern darum, wie wieder Handlungsspielraum entsteht.
Humor ist nicht der Feind von Tiefe. Sondern oft der Mechanismus, der Tiefe überhaupt wieder möglich macht.
Was uns die Teeparty aus Alice im Wunderland lehrt
Alice scheitert an dieser Teeparty nicht, weil sie unfähig wäre. Sie scheitert, weil sie versucht mit Logik ein System zu navigieren, das nicht logisch funktioniert, sondern von Absurdität und Regelbruch lebt. Wer hier nur ernst bleibt, wird eng. Wer nur nett und höflich bleibt, wird überrollt. Anders der Hutmacher. Er löst die Situation nicht, indem er Ordnung herstellt. Sondern er zeigt uns: wer die Dinge mit Humor betrachten kann, erkennt verborgene Möglichkeiten hinter der erstarrten Fassade.
Übersetzt in unseren Alltag bedeutet das:
Wenn im Team die Stimmung kippt, kann ein kluger humorvoller Satz oft mehr bewegen als zehn ernste Appelle.
Wenn ein Gespräch festhängt, hilft oft nicht noch mehr Druck, sondern ein Perspektivenwechsel. Humor kann Luft zurückbringen, damit danach wieder Tiefe möglich wird.
Humor ist am wirksamsten, wenn er präzise, einfühlsam und clever ist. Er darf on point sein, aber nicht entwerten. Er soll öffnen, nicht verletzen.
In einem Vortrag über Humor in der Beziehung habe ich neulich von folgender Idee gehört: die Redner haben sich einen fiktiven Mitbewohner angeschafft. Lars. Wann immer nun die Klobrille offen bleibt, Socken rumliegen, das letzte Bier ungefragt getrunken wurde war es... Ganz klar: Lars! Das Ziel: weniger Drama, mehr Lachen. Genial.
Wie Humor im Krisencoaching die Schwere aus dem Raum nimmt und Lösungen ermöglicht
Ich arbeite als Krisencoach, oft mit den richtig knackigen Fällen. Und gerade deshalb lache ich im Coaching mit meinen Coachees. Wenn du in der Krise bist, braucht dir niemand zu erklären, wie ernst es ist. Wer sich Unterstützung sucht, hat die Lösungsbrille längst auf. Daher ist das wertvollste, das ich für meine Coachees tun kann oft, mit Humor dabei zu helfen die innere Freiheit wiederherzustellen.
Dann stelle ich zum Beispiel die Frage: „Wenn das ein Film wäre, eine überzogene Komödie mit Jim Carrey oder Amy Schumer in der Hauptrolle - wie würde die Szene aussehen?“ Prinzip Comedy: aus der Vogelperspektive betrachtet zeigt sich die Absurdität und Komik unseres Alltags. Das verbindet und ist heilsam. Keine Albernheit, sondern ein Ausstieg aus der inneren Teestunde.
Der berühmt berüchtigte Galgenhumor: wenn Situationen zu schwer zu ertragen werden, schafft Humor Abstand, Leichtigkeit und setzt neue Kraftreserven frei.
Genau deshalb liebe ich die Humorbrille: Sie macht aus einem engen, erstarrten Raum wieder einen beweglichen Raum mit Möglichkeiten.
Humor im Coaching nimmt die Schwere nicht weg, aber er nimmt ihr den Anspruch auf die Deutungshoheit. Er schafft Distanz, nicht im Sinn von Verharmlosung, sondern im Sinn von Beweglichkeit. Teufelskreise, die sich immer enger und schneller um das Problem drehen, können so durchbrochen werden. Und Menschen werden wieder handlungsfähig.
Wie du Humor als Coachingtool in deinem Alltag einsetzen kannst
Wenn du als Führungskraft oder Privatperson in einer Krise oder in einer persönlichen Sackgasse steckst, frag dich nicht: „Wie halte ich das weiter aus?“ Sondern: „Wie werde ich wieder beweglich?“ In festgefahrenen Konflikten kann Humor einen Perspektivwechsel ermöglichen.
Diese drei Fragen können dabei helfen:
Welche Situation verschlimmere ich gerade durch absurde "Lösungsversuche"?
Wo braucht es nicht mehr Druck, sondern mehr Abstand?
Welche humorvolle Außenperspektive kann ich einnehmen oder hinzuziehen, um Verborgenes sichtbar zu machen?
Vielleicht steckst du in deinem Leben oder in deiner Führung gerade in einer verfahrenen Situation, in der nichts vor und nichts zurückzugehen scheint. Wenn du merkst, dass es Zeit ist, dir jemanden mit ins Boot zu holen, um wieder navigationsfähig zu werden, dann melde dich gern bei mir.
Denn an einer Stelle irrt sich Alice gewaltig: „Ich finde, ihr könntet die Zeit besser nutzen, als sie mit Rätseln zu verschwenden, die keine Lösung haben.“ (Rabe, Schreibtisch, du erinnerst dich…) Das sagt sie bei der Teeparty, zu Beginn ihrer Zeit im Wunderland. Nun, sie wird später noch erkennen, wie falsch sie damit lag…




Kommentare